Keine Zeit für Nachfolge? Genau das ist das Problem.

Sie wollen Ihre Unternehmensnachfolge vorbereiten, aber die Zeit fehlt? Genau das ist das Problem. Es kostet Sie 20 bis 30 Prozent beim Kaufpreis.

Keine Zeit für Nachfolge? Genau das ist das Problem.
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„Ich kümmere mich darum... wenn ich mal Zeit habe."

Diesen Satz hören wir ständig. Von Unternehmern, die seit 25 Jahren ihr Lebenswerk aufgebaut haben. Die 60 Stunden pro Woche arbeiten. Die erschöpft sind. Und die genau deshalb ihre Unternehmensnachfolge aufschieben.

Aber hier ist die unbequeme Wahrheit: Ihr Zeitmangel ist nicht das Problem. Er ist das Symptom eines viel größeren Problems.

Wer im Tagesgeschäft versinkt, verliert den Blick für das Wesentliche. Für die strategischen Fragen, die über die Zukunft des Unternehmens entscheiden:

  • Wer übernimmt das Unternehmen? Einen passenden Nachfolger zu finden braucht Jahre, nicht Monate. Wer zu spät anfängt, hat keine Auswahl mehr, nur noch Notlösungen.
  • Wie abhängig ist die Firma von mir? Jeder Tag, an dem Sie unersetzbar bleiben, macht Ihr Unternehmen weniger wert. Für Käufer ist Inhaberabhängigkeit das größte Risiko und oft ein K.O.-Kriterium.

Das Ergebnis: Sie arbeiten sich kaputt für eine Firma, die am Ende niemand kaufen will.

Denn das Zeitmangel-Problem ist kein Planungsproblem. Es ist ein Wertproblem. Wer seine Firma verkaufen will, muss dieses Problem zuerst lösen. Und dieses Problem hat einen Namen, den jeder Käufer sofort erkennt: Inhaberabhängigkeit.


Die Erschöpfungs-Falle

Sie kennen das Bild. Vielleicht erkennen Sie sich darin wieder.

55 oder älter. Seit Jahrzehnten im Geschäft. Der Erste, der morgens aufschließt. Der Letzte, der abends das Licht ausmacht. Am Wochenende nur kurz E-Mails checken. Im Urlaub ständig erreichbar. Wenn überhaupt einer stattfindet.

Die Mitarbeiter fragen: Chef, wie sollen wir das machen? Die Kunden rufen an und wollen nur mit Ihnen sprechen. Und Sie? Sie funktionieren. Jeden Tag. Seit Jahren.

Die drei Gesichter der Unternehmer-Erschöpfung

Körperlich: Kein freies Wochenende seit Monaten. Der Rücken schmerzt. Der Arzt mahnt. Aber es geht ja irgendwie weiter.

Mental: Der Kopf ist nie frei. Nachts wachen Sie auf und denken an offene Aufträge. Im Urlaub an die Baustelle. Beim Familienessen an den schwierigen Kunden.

Emotional: Ohne mich läuft hier nichts. Ein Satz, der gleichzeitig Stolz und Erschöpfung ausdrückt. Sie sind unersetzbar. Und genau das ist das Problem.

Der fatale Kreislauf

Zu erschöpft, um strategisch zu planen. Also wird nur reagiert. Keine Veränderung. Also bleibt alles beim Alten. Also noch erschöpfter. Und so weiter.

Die Nachfolge? Mache ich, wenn es ruhiger wird.

Aber wann wird es ruhiger, wenn Sie selbst der Flaschenhals sind?

⚠️ Die unbequeme Wahrheit: Wenn Sie der Letzte sind, der abends das Licht ausmacht, und der Erste, der morgens aufschließt, dann ist Ihre Firma nicht übergabefähig. Und möglicherweise nicht verkaufbar.

Was Käufer wirklich sehen

Stellen Sie sich vor, ein Interessent schaut sich Ihre Firma an. Er sieht die Zahlen. Den Kundenstamm. Die Maschinen. Alles sieht gut aus.

Dann stellt er drei Fragen:

  1. Was passiert, wenn der Inhaber drei Monate ausfällt?
  2. Welche Kunden haben nur zum Chef eine Beziehung?
  3. Wer trifft Entscheidungen, wenn der Inhaber nicht da ist?

Und plötzlich wird aus einem interessanten Unternehmen ein Risiko.

Die harte Rechnung

Hohe Inhaberabhängigkeit bedeutet:

  • Risikoabschlag auf den Kaufpreis. Oft 20 bis 30 Prozent weniger.
  • Längere Übergangsphase erforderlich. Sie bleiben Jahre gebunden.
  • Weniger Interessenten. Viele Käufer steigen sofort aus.
  • Schlechtere Verhandlungsposition. Der Käufer weiß, dass Sie das Problem sind.

Oder, im schlimmsten Fall: Kein Käufer interessiert sich überhaupt.

Die Ironie

Die meisten Unternehmer haben ihr ganzes Berufsleben in ihre Firma investiert. Um am Ende festzustellen, dass genau diese Investition den Wert mindert.

Nicht weil die Firma schlecht ist. Sondern weil sie ohne den Inhaber nicht funktioniert.


Der Zeit- und Energie-Audit

Sie wollen wissen, wie tief Sie in dieser Falle stecken? Es gibt einen Weg, das zu messen.

Der Zeit- und Energie-Audit ist ein einfaches, aber schonungsloses Werkzeug. Es zeigt Ihnen schwarz auf weiß, wie Sie Ihre Zeit verbringen und was davon überhaupt Chef-Arbeit ist.

Schritt 1: Zwei Wochen lang alles aufschreiben

Stellen Sie sich einen Timer auf 15 Minuten. Jedes Mal, wenn er klingelt, notieren Sie: Was habe ich gerade getan?

Jede Aufgabe. Jede Unterbrechung. Jedes Telefonat. Jede E-Mail. Kein Beschönigen.

Warum 15 Minuten? Weil wir uns selbst täuschen. Wir glauben, wir hätten „nur kurz" eine E-Mail beantwortet und merken nicht, dass daraus 45 Minuten wurden. Der 15-Minuten-Rhythmus zwingt Sie zur Ehrlichkeit.

Warum zwei Wochen? Weil eine Woche nicht repräsentativ ist. Manche Aufgaben kommen nur alle 14 Tage vor. Erst nach zwei Wochen sehen Sie das vollständige Bild.

⏱️ Keine zwei Wochen Zeit? Starten Sie mit drei Tagen. Das reicht für einen ersten Realitätscheck, auch wenn das vollständige Bild erst nach zwei Wochen sichtbar wird.

Schritt 2: Den Wert einschätzen

Geben Sie jeder Aufgabe einen Wert von € bis €€€€:

Symbol Bedeutung Beispiel
Geringer Wert: Könnte für unter 20€/h erledigt werden E-Mails sortieren, Termine koordinieren
€€ Mittlerer Wert: Erfordert etwas Fachwissen Angebote schreiben, Standardfragen beantworten
€€€ Hoher Wert: Braucht Erfahrung und Urteilsvermögen Kundenverhandlungen, Mitarbeiterführung
€€€€ Nur-Chef-Arbeit: Strategisch, nicht delegierbar Großkunden-Beziehungen, Unternehmensstrategie

Seien Sie ehrlich: Die meisten Aufgaben, die sich wie €€€€ anfühlen, sind in Wahrheit €€ oder weniger.

Schritt 3: Energie bewerten

Für jede Tätigkeit fragen Sie sich: Gibt mir das Energie oder kostet es mich Energie?

Nicht, ob es wichtig ist. Sondern wie Sie sich dabei fühlen. Nach dieser Aufgabe: Sind Sie energetisiert oder ausgelaugt?

Schritt 4: Auswerten

Nach zwei Wochen sortieren Sie alles in vier Felder:

Kostet Energie Gibt Energie
€€€ bis €€€€ ⚙️ Pflichtzone 👑 Goldzone
€ bis €€ 📤 Sofort abgeben ❓ Fragezeichen

Zählen Sie die Stunden pro Quadrant zusammen:

  • 👑 Goldzone: ___ Std/Woche (Hoher Wert + gibt Energie)
  • ⚙️ Pflichtzone: ___ Std/Woche (Hoher Wert + kostet Energie)
  • Fragezeichen: ___ Std/Woche (Niedriger Wert + gibt Energie)
  • 📤 Sofort abgeben: ___ Std/Woche (Niedriger Wert + kostet Energie)

Die Fragezeichen-Zone: Falle oder Investment?

Die ❓-Zone ist keine Antwort. Sie ist eine Frage.

Für jede Aufgabe in diesem Quadranten stellen Sie sich: Hat diese Aufgabe eine realistische Chance, in die Goldzone zu wachsen?

Antwort Bedeutung Was passiert
JA Investment Kann zur Goldzone wachsen
NEIN Falle Ist eine versteckte 📤 und gehört abgegeben

Wachstumspfade (Investment):

  • Die Aufgabe selbst kann wachsen. Ein kleiner Kunde wird zum Großkunden.
  • Die Person, die Sie entwickeln, kann später €€€€-Arbeit übernehmen.
  • Sie bauen Kapazität auf, die Sie später freisetzt.

Sackgassen (Falle):

  • Es fühlt sich gut an, aber der Wert bleibt niedrig.
  • Niemand wird entwickelt. Nur Ihr Ego wird bedient.
  • Perfektion statt Hebelwirkung.

Beispiele:

Aufgabe Falle oder Investment?
Kundenemails selbst beantworten, weil es "persönlicher" ist Falle – bleibt €
Junior-Mitarbeiter bei Verkaufsgesprächen begleiten Investment – er übernimmt später €€€€-Deals
Qualitätsprüfung selbst machen, obwohl jemand es lernen könnte Falle – Perfektionismus
Zeit mit Schlüsselkunden verbringen, die wachsen könnten Investment – €€ heute, €€€€ morgen

Die ❓-Zone zeigt Ihre Beziehung zu Kontrolle. Bauen Sie Hebelwirkung auf, oder verstecken Sie sich im Komfort?


Die ehrliche Bilanz

Frage A: Wie viel Zeit verbringen Sie in der Goldzone?

Die Goldzone ist: Gibt mir Energie + €€€€ Wert. Das ist strategische Arbeit. Die Arbeit, für die ein Geschäftsführer bezahlt wird.

Wie viel Prozent Ihrer Woche sind Sie wirklich dort?

Bei überarbeiteten Inhabern liegt die Antwort oft bei unter 10 Prozent.

Frage B: Wo ist Ihre gefährliche Falle?

Die Fragezeichen-Zone ist die gefährlichste Kategorie.

Sie genießen diese Arbeit. Sie glauben, nur Sie können das. Aber sie ist es nicht wert, dass ein Unternehmer sie macht.

Diese Aufgaben loszulassen, ist am schwersten. Aber am wichtigsten.

Für Käufer gilt: Jede €- oder €€-Aufgabe, die noch am Chef hängt, ist ein Warnsignal. Es bedeutet: keine Systeme, keine Prozesse, keine Übergabefähigkeit. Nur €€€€-Arbeit macht Ihr Unternehmen verkaufbar.


Der Rhythmus danach

Ein Audit ist kein einmaliges Ereignis. Nach den ersten zwei Wochen haben Sie ein Bild. Aber Gewohnheiten ändern sich langsam.

Einmal pro Quartal wiederholen Sie den vollständigen Audit. Am besten vor Ihrem Steuerberater-Termin. Dann haben Sie die Zahlen der Firma und die Realität Ihrer Zeit im Kopf.

Jeden Montagmorgen werfen Sie einen kurzen Blick auf Ihre Woche. Fünf Minuten reichen. Wo werde ich in der Goldzone arbeiten? Wo droht das Hamsterrad? Kein Tracking. Nur ein Realitätscheck.

Einmal im Jahr, idealerweise im Januar, blockieren Sie zuerst Ihre Urlaube und wichtigen privaten Termine. Bevor das Tagesgeschäft den Kalender füllt.


Was jetzt?

Die gute Nachricht: Inhaberabhängigkeit ist kein Schicksal. Sie lässt sich systematisch abbauen, und genau das macht Ihr Unternehmen übergabefähig. Schritt für Schritt. In den nächsten 12 Monaten.

Aber der erste Schritt ist, sie ehrlich zu erkennen.

Starten Sie heute den Zeit- und Energie-Audit für die nächsten zwei Wochen. Schreiben Sie auf, was Sie wirklich tun. Sortieren Sie es in die Matrix. Schauen Sie sich das Ergebnis an.

Das Ergebnis wird unbequem sein. Aber es wird Ihnen zeigen, wo Sie anfangen müssen.

Nächster Schritt: Im Artikel Vom Hamsterrad zur Strategie: So gewinnen Sie als Unternehmer Zeit für das Wesentliche zeigen wir Ihnen, wie Sie systematisch Aufgaben abgeben, ohne dass die Qualität leidet.


Zusammenfassung: Die 5 wichtigsten Erkenntnisse

  1. Zeitmangel ist kein Planungsproblem, es ist ein Wertproblem. Wer keine Zeit für Strategie hat, hat eine Firma, die zu abhängig vom Inhaber ist.
  2. Inhaberabhängigkeit ist ein Deal-Killer. Käufer sehen sie als Risiko. Das kostet Sie 20 bis 30 Prozent beim Kaufpreis oder den Deal komplett.
  3. Die Goldzone = €€€€ Wert + gibt Energie. Alles andere ist keine Chef-Arbeit, auch wenn es sich so anfühlt.
  4. Die gefährlichste Falle ist die ❓-Zone. Aufgaben, die Sie genießen, die aber nur € bis €€ wert sind. Falle oder Investment?
  5. Der erste Schritt zur Nachfolgereife ist nicht der Notar. Es ist, sich selbst ersetzbar zu machen.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Serie zur Nachfolge-Vorbereitung für inhabergeführte Unternehmen im deutschen Mittelstand.